Die Toch­ter und das Erd­beer­fest

Zur Ver­wirk­li­chung des Art. 19 Abs. 4 GG, dem Grund­recht auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz, sind bei den für Straf- und Zi­vil­sa­chen zu­stän­di­gen (or­dent­li­chen) Ge­rich­ten am Wo­chen­en­de und in der Nacht Be­reit­schafts­diens­te ein­ge­rich­tet, wenn Eil­ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wer­den müs­sen.

An den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten gibt es ei­nen sol­chen Be­reit­schafts­dienst flä­chen­de­ckend nicht. Nach­dem die Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit grund­sätz­lich po­li­zei­li­che Maß­nah­men kon­trol­lie­ren soll, könn­te man­gels Be­reit­schafts­diens­te an ei­ne Ver­let­zung des Art. 19 Abs. 4 GG ge­dacht wer­den. Dies soll hier aber nicht The­ma sein.

Im kon­kre­ten und ku­rio­sen straf­recht­li­chen Fall des Bun­des­ge­richts­hofs, 20.09.2000 — 2 StR 276/00, ging es um die Fra­ge, ob sich aus Art. 19 Abs. 4 GG ei­ne sub­si­diä­re Zu­stän­dig­keit der or­dent­li­chen Ge­rich­te für Eil­ent­schei­dun­gen ver­wal­tungs­recht­li­cher Na­tur er­gibt, wenn das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht er­reich­bar ist:

„Am Sams­tag, den 6. Ju­ni 1998, ging beim Amts­ge­richt E. ein an das Ver­wal­tungs­ge­richt W. ge­rich­te­ter Schrift­satz der Toch­ter des An­ge­klag­ten, der Zeu­gin S. , ein, den der Rechts­pfle­ger ge­gen 10.00 Uhr vor­fand.

Dar­in be­an­trag­te sie, ei­ne einst­wei­li­ge An­ord­nung ge­gen die Stadt E. zu er­las­sen mit dem In­halt, der An­trag­stel­le­rin wäh­rend des Erd­beer­fes­tes vom 12. bis 15. Ju­ni 1998 die Zu­fahrt mit PKW zu ih­rem Wohn­haus zu er­mög­li­chen, der Stadt zu un­ter­sa­gen, das Ab­spie­len von Mu­sik und die Her­stel­lung lau­ter Ge­räu­sche wäh­rend des Fes­tes zu ge­stat­ten und der Stadt auf­zu­ge­ben, sol­chen Lärm zu ver­hin­dern. In ei­nem Be­gleit­schrei­ben teil­te die Zeu­gin mit, sie ha­be am sel­ben Tag ver­sucht, den An­trag beim Ver­wal­tungs­ge­richt W. ein­zu­rei­chen, was ihr je­doch nicht ge­lun­gen sei, da die­ses ge­schlos­sen sei. We­gen der au­ßer­or­dent­li­chen Eil­be­dürf­tig­keit rich­te sie ih­ren An­trag da­her an das Amts­ge­richt E.. Zu­gleich bat die Zeu­gin per Fax dar­um, ih­ren An­trag we­gen der au­ßer­or­dent­li­chen Dring­lich­keit so­fort dem Sach­be­ar­bei­ter bzw. Rich­ter vor­zu­le­gen.

Nach­dem der An­ge­klag­te den An­trag durch­ge­se­hen hat­te, äu­ßer­te er ge­gen­über dem an­we­sen­den Rechts­pfle­ger, er müs­se den An­trag wohl be­ar­bei­ten, auch wenn die An­trag­stel­le­rin sei­ne Toch­ter sei, ein an­de­rer Rich­ter sei nicht er­reich­bar. Be­mü­hun­gen, an­de­re Kol­le­gen oder das Ver­wal­tungs­ge­richt W. zu er­rei­chen, un­ter­nahm er nicht. Wäh­rend er mit dem Ab­fas­sen des Be­schlus­ses, den er selbst auf der Ma­schi­ne schrieb, weil ei­ne Schreib­kraft nicht so­gleich zu er­rei­chen war, be­faßt war, er­schien der Zeu­ge Dr. M. im Ge­richt. Er wur­de dem An­ge­klag­ten von dem Rechts­pfle­ger zu­tref­fend als Rich­ter am Amts­ge­richt E. vor­ge­stellt, wor­auf der An­ge­klag­te den Zeu­gen in bar­schem Ton auf­for­der­te, das Zim­mer zu ver­las­sen, er wol­le nicht ge­stört wer­den.

Der An­ge­klag­te stell­te sei­nen Be­schluß fer­tig, mit dem er ei­ne einst­wei­li­ge An­ord­nung er­ließ, die dem An­trag sei­ner Toch­ter weit­ge­hend ent­sprach und le­dig­lich hin­sicht­lich der Mu­sik die Ein­schrän­kung ent­hielt, daß die­se von der Stadt nicht zu ge­stat­ten oder zu dul­den sei, so­weit sie Zim­mer­laut­stär­ke über­schrei­te. In den Grün­den des Be­schlus­ses führ­te er un­ter an­de­rem aus:

” … Aus der Rechts­weg­ga­ran­tie des Art. 19 GG folgt, daß das Amts­ge­richt so­lan­ge zu­stän­dig ist, als das Fach­ge­richt nicht er­reicht wer­den kann und un­auf­schieb­ba­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen sind. Der Rich­ter ist über den An­trag und sei­ne Zu­stän­dig­keit des­we­gen höchst un­glück­lich, weil er mit der An­trag­stel­le­rin im 1. Grad der Haupt­li­nie ver­wandt ist. Des­sen un­ge­ach­tet muß er den­noch über den An­trag auf Ge­wäh­rung einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes be­fin­den, weil es sich um ei­ne un­auf­schieb­ba­re An­ge­le­gen­heit han­delt und trotz recht­li­chen Aus­schlus­ses von der Ent­schei­dung in ei­nem sol­chen Fall zu ent­schei­den ist, §§ 42, 47 ZPO. … Ein an­de­rer Rich­ter (des AG E. ist nicht er­reich­bar). …”

Die Ak­te ver­sah der An­ge­klag­te mit der Ver­fü­gung:

1. Aus­fer­ti­gung an GVollz F. zur Zu­stel­lung mit An­trags­ab­schrift 2. Aus­tra­gen 3. Ur­schrift­lich mit An­la­gen dem Ver­wal­tungs­ge­richt in W. über­sandt.”

Nach­dem der Ge­richts­voll­zie­her mit ei­ner Aus­fer­ti­gung des Be­schlus­ses das Ge­richt ver­las­sen hat­te, ent­schul­dig­te sich der An­ge­klag­te bei dem Zeu­gen Dr. M. , den er mög­li­cher­wei­se erst jetzt als Kol­le­gen er­kann­te, für sein un­freund­li­ches Ver­hal­ten und schil­der­te ihm den ge­ra­de ent­schie­de­nen Fall, wo­bei er er­wähn­te, daß sei­ne Toch­ter den An­trag ge­stellt ha­be, er aber lei­der ha­be ent­schei­den müs­sen, da der An­trag ei­lig sei.

Den Ge­richts­voll­zie­her, der zu Be­den­ken ge­ge­ben hat­te, daß die Ver­wal­tung der Stadt am Wo­chen­en­de nicht be­setzt sei und er des­halb nicht zu­stel­len kön­ne, hat­te er zu­vor an­ge­wie­sen, beim Bür­ger­meis­ter per­sön­lich an des­sen Wohn­an­schrift zu­zu­stel­len. Da der Ge­richts­voll­zie­her den Bür­ger­meis­ter am Sams­tag je­doch nicht er­reich­te und er die Sa­che nicht für so ei­lig hielt, stell­te er ihm den Be­schluß am Mon­tag mor­gen in des­sen Dienst­räu­men zu. Die Ak­te ge­lang­te am glei­chen Tag durch Bo­ten an das Ver­wal­tungs­ge­richt W. , das nach ei­ner An­hö­rung am 10. Ju­ni 1998 den Be­schluß des Amts­ge­richts E. für ge­gen­stands­los er­klär­te, das Ver­fah­ren ein­stell­te, so­weit die An­trag­stel­le­rin den An­trag zu­rück­ge­nom­men hat­te, und im üb­ri­gen den An­trag zu­rück­wies.“

Im Er­geb­nis stell­te der Bun­des­ge­richts­hof fest, dass der An­ge­klag­te als Rich­ter Ver­fah­rens­recht ver­letzt hat und ob­jek­tiv ei­ne Rechts­beu­gung, § 339 StGB, vor­liegt. Die or­dent­li­chen Ge­rich­te wa­ren nicht sub­si­di­är zu­stän­dig, Art. 19 Abs. 4 S. 2 GG. Die Re­ge­lung des § 40 Vw­GO weist al­le öffentlich-​rechtlichen An­spru­che, auch den Eil­rechts­schutz, den Ver­wal­tungs­ge­rich­te zu. Nur weil bei den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten nie­mand er­reich­bar ist, kön­ne sich nicht über § 40 Vw­GO hin­weg­ge­setzt wer­den.

Fro­hes Fei­ern! Das Erd­beer­fest war ge­ret­tet!