Haf­tet der TÜV für feh­ler­haf­te Brust­im­plan­ta­te?

Ein Auf­schrei ging durch Eu­ro­pa, als im März 2010 der Ver­dacht auf­kam, dass ein fran­zö­si­scher Her­stel­ler von Si­li­kon­im­plan­ta­ten bil­li­ges In­dus­trie­si­li­kon für sei­ne Pro­duk­te ver­wen­det hat und der TÜV Rhein­land die­se Im­plan­ta­te nicht über­prüft hat. Welt­weit wa­ren Hun­dert­tau­sen­de Frau­en be­trof­fen, al­lein in Deutsch­land gab es schät­zungs­wei­se 5000 Op­fer. Nun hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof ent­schie­den, dass der TÜV nach den eu­ro­päi­schen Vor­ga­ben nicht auf Scha­dens­er­satz haf­tet.

Was war pas­siert?

Die fran­zö­si­sche Fir­ma hat­te den TÜV Rhein­land mit der Über­prü­fung ih­res Qua­li­täts­si­che­rungs­sys­tems be­auf­tragt, der in den Jah­ren 1998 bis 2008 acht je­weils im Vor­aus an­ge­kün­dig­te Be­sich­ti­gun­gen durch­führ­te. Wäh­rend die­ses Zeit­raums nahm der TÜV Rhein­land we­der Ein­sicht in Ge­schäfts­un­ter­la­gen noch ord­ne­te er ei­ne Pro­dukt­prü­fung an, ob­wohl die Im­plan­ta­te in Deutsch­land ver­wen­det wur­den. Im No­vem­ber 2010 er­stat­te­te ei­ne Op­fer­ver­ei­ni­gung An­zei­ge ge­gen den TÜV Rhein­land, der die Brust­im­plan­ta­te zer­ti­fi­ziert hat­te.

Die Klä­ge­rin, ei­ne be­trof­fe­ne Frau aus Deutsch­land, trug in ih­rer Kla­ge ge­gen den TÜV Rhein­land vor, er hät­te durch Ein­sicht­nah­me in die Lie­fer­schei­ne und Rech­nun­gen er­ken­nen kön­nen, dass von der Her­stel­le­rin nicht das ge­neh­mig­te Si­li­kon ver­wen­det wor­den sei. Sie for­der­te zur Wie­der­gut­ma­chung 40.000 Eu­ro Schmer­zens­geld. Nach­dem sie sich durch al­le deut­schen In­stan­zen ge­klagt hat­te, leg­te der Bun­des­ge­richts­hof die Sa­che im April 2015 dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof in Lu­xem­burg vor und stell­te die Fra­ge, ob der TÜV Rhein­land nach den eu­ro­päi­schen Vor­ga­ben für Me­di­zin­pro­duk­te haf­tet.

Nun ent­schied der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof in sei­nem Ur­teil (AZ C-219/15 vom 16.02.2017), dass den TÜV Rhein­land kei­ne ge­ne­rel­le Pflicht trifft, un­an­ge­mel­de­te In­spek­tio­nen durch­zu­füh­ren, Pro­duk­te zu prü­fen und/​oder Ge­schäfts­un­ter­la­gen des Her­stel­lers zu sich­ten. Lie­gen je­doch Hin­wei­se dar­auf vor, dass ein Me­di­zin­pro­dukt die An­for­de­run­gen der eu­ro­päi­schen Qua­li­täts­stan­dards nicht er­füllt, muss der TÜV Rhein­land al­le er­for­der­li­chen Maß­nah­men er­grei­fen, um das Pro­dukt nö­ti­gen­falls vom Markt zu ho­len.

Wie geht es wei­ter?
Die­se Ent­schei­dung stell­te si­cher­lich für vie­le Be­trof­fe­nen ei­nen her­ben Rück­schlag dar. Al­ler­dings schloss der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof die Haf­tung nicht voll­stän­dig aus: Er ver­wies die An­ge­le­gen­heit viel­mehr an die deut­schen Ge­rich­te zu­rück und stell­te le­dig­lich klar, dass den TÜV Rhein­land nach eu­ro­päi­schen Nor­men kei­ne Haf­tung trifft. Ob er je­doch nach deut­schem Recht haf­tet, ist da­her noch of­fen. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die be­trof­fe­nen Frau­en nun ih­re An­sprü­che vor den deut­schen Ge­rich­ten wei­ter­ver­fol­gen wer­den um Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld zu er­lan­gen

Auch die fran­zö­si­schen Ge­rich­te sind sich un­ei­nig: Im Ju­li 2015 be­schei­nig­te ein Be­ru­fungs­ge­richt dem TÜV Rhein­land, sei­ne Ver­pflich­tun­gen bei der Zer­ti­fi­zie­rung der Im­plan­ta­te er­füllt zu ha­ben. Im Ja­nu­ar 2017 ver­ur­teil­te je­doch das Han­dels­ge­richt in Tou­lon den TÜV Rhein­land zur Zah­lung von et­wa 60 Mil­lio­nen Eu­ro, die es rund 20.000 Klä­ge­rin­nen zu­sprach.

Nun muss der Bun­des­ge­richts­hof für die deut­schen Be­trof­fe­nen ab­schlie­ßend ent-​scheiden, ob der TÜV Rhein­land haf­tet. In den Vor­in­stan­zen war die Klä­ge­rin mit ih­rem An­spruch ge­schei­tert. Auch sie­ben Jah­re nach dem Skan­dal ist die ju­ris­ti­sche Auf­ar­bei­tung noch lan­ge nicht ab­ge­schlos­sen, ein En­de bis­lang nicht ab­seh­bar.

Isa­bel­la Beer
Rechts­an­wäl­tin
Re­fe­rat für Me­di­zin­recht
Re­fe­rat für Ver­si­che­rungs­recht

Isabella Beer

Isa­bel­la Beer

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Isabella Beer

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