Kif­fen auf Re­zept?

Heim­lich, still und lei­se hat ei­ne Vor­schrift Ein­zug ins Ge­setz ge­fun­den, die es schwer kran­ken Pa­ti­en­ten er­mög­licht, Can­na­bis zur Lin­de­rung ih­rer Schmer­zen qua­si auf Re­zept für den Ei­gen­be­darf zu er­hal­ten. Die­ser Neu­re­ge­lung wa­ren zwei Ur­tei­le des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vor­aus ge­gan­gen.

Die Ur­tei­le von 2005 und 2016

Be­reits 2005 hat­te das Ge­richt ent­schie­den, dass der Be­zug be­stimm­ter Cannabis- Prä­pa­ra­te für schwer kran­ke Pa­ti­en­ten mög­lich sein muss. Im Ur­teil führ­te es aus, dass das Grund­recht auf Le­ben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit so­wie die Ach­tung der Men­schen­wür­de es ge­bie­ten, schwerst kran­ken Men­schen ein selbstbe-stimmtes und men­schen­wür­di­ges Le­ben zu er­mög­li­chen. Men­schen, die dau­er­haft un­ter schwe­ren Schmer­zen lei­den, soll ei­ne The­ra­pie mit Can­na­bis ge­stat­tet wer­den, wenn es ei­ne ge­wis­se Lin­de­rung der Krank­heit ver­spricht.

Wört­lich hieß es im Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts (BVerwG, Ur­teil vom 19. Mai 2005 – 3 C 17/04 –, BVerw­GE 123, 352–362): „Nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG hat je­der das Recht auf Le­ben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit. Die­ser Be­stim­mung kommt im Wer­te­ho­ri­zont des Grund­ge­set­zes ei­ne gro­ße Be­deu­tung zu. Le­ben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit sind in wei­ten Be­rei­chen ele­men­ta­re Vor­aus­set­zung für die Wahr­neh­mung der üb­ri­gen Grund­rechts­ge­währ­leis­tun­gen. In das Recht auf kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit kann nicht nur da­durch ein­ge­grif­fen wer­den, dass staat­li­che Or­ga­ne selbst ei­ne Kör­per­ver­let­zung vor­neh­men oder durch ihr Han­deln Schmer­zen zu­fü­gen. Der Schutz­be­reich des Grund­rechts ist viel­mehr auch be­rührt, wenn der Staat Maß­nah­men er­greift, die ver­hin­dern, dass ei­ne Krank­heit ge­heilt oder wenigs-tens ge­mil­dert wer­den kann und wenn da­durch kör­per­li­che Lei­den oh­ne Not fort­ge­setzt und auf­recht­erhal­ten wer­den. Das gilt ins­be­son­de­re durch die staat­li­che Un­ter­bin­dung des Zu­gangs zu prin­zi­pi­ell ver­füg­ba­ren The­ra­pie­me­tho­den zur nicht unwe-sentlichen Min­de­rung von Lei­den.“(…)

Das Grund­recht auf Le­ben und kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit steht in en­ger Be­zie­hung zur Men­schen­wür­de, die zu ach­ten und zu schüt­zen nach Art. 1 GG Auf­ga­be al­ler staat­li­chen Ge­walt ist. Schwe­re Krank­heit und das Lei­den an star­ken, lan­ge dau­ern­den Schmer­zen kön­nen den Be­trof­fe­nen hin­dern, ein selbst­be­stimm­tes und sei­nen Vor­stel­lun­gen von ei­nem men­schen­wür­di­gen Le­ben ent­spre­chen­des Le­ben zu füh­ren. Dar­aus folgt, dass die The­ra­pie­rung schwer kran­ker Men­schen nicht nur je­weils de­ren in­di­vi­du­el­le In­ter­es­sen ver­folgt, son­dern ein An­lie­gen der All­ge­mein­heit ist.“

Hier­aus schloss das Ge­richt wie­der­um, dass es schwer kran­ken Pa­ti­en­ten er­mög­licht wer­den muss, ih­re Lei­den mit­hil­fe von Can­na­bis lin­dern zu dür­fen.

Im April 2016 ent­schied die­ses Ge­richt nun er­neut, dass auch der Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken be­wil­ligt wer­den muss, wenn der Pa­ti­ent an ei­ner schwe­ren Er­kran­kung lei­det und ihm zur Be­hand­lung der Krank­heit kei­ne gleich wirk­sa­me und für ihn er­schwing­li­che The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung steht.

Das Ge­richt hat­te über die Kla­ge ei­nes 52-Jährigen zu ent­schei­den, der seit 1985 an ei­ner chro­nisch ver­lau­fen­den Mul­ti­plen Skle­ro­se er­krankt war. Er lei­det un­ter an­de­rem an ei­ner aus­ge­präg­ten Gang­stö­rung und er­heb­li­chen Spas­ti­ken. Er be­an­trag­te beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te, ihm ei­ne Aus­nah­me­er­laub­nis zum An­bau von Can­na­bis zu er­tei­len. Die Be­hör­de ver­wei­ger­te ihm die­se Er­laub­nis.

Mit sei­ner Kla­ge be­gehr­te er, ihm zu er­lau­ben, Can­na­bis in sei­ner Woh­nung an­zu­bau­en und zum Zweck sei­ner Be­hand­lung zu ver­wen­den. Er mach­te gel­tend, der Ei­gen­an­bau sei für ihn die ein­zi­ge Mög­lich­keit, sei­nen Can­na­bis­be­darf zu de­cken. Die Kos­ten für den Er­werb ei­nes stan­dar­di­sier­ten Cannabis-Präparats sei­en für ihn nicht trag­bar. Sei­ne Kran­ken­kas­se ver­wei­ger­te ei­ne Kos­ten­über­nah­me.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schied dar­auf­hin, dass auch für die The­ra­pie ei­nes ein­zel­nen schwer kran­ken Pa­ti­en­ten ei­ne An­bau­erlaub­nis er­teilt wer­den kann. Die Vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor, wenn die Er­kran­kung durch die Be­hand­lung mit dem Be­täu­bungs­mit­tel ge­heilt oder zu­min­dest ge­lin­dert wer­den kann und wenn dem Be­trof­fe­nen kei­ne gleich wirk­sa­me Al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung steht.

Die Ge­set­zes­än­de­rung

Knapp zwölf Jah­re nach dem rich­tungs­wei­sen­den Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts wur­de der Ge­setz­ge­ber tä­tig. Am 10.03.2017 wur­de der An­spruch auf ei­ne Cannabis- The­ra­pie für schwer kran­ke Men­schen nun (end­lich) in § 31 Ab­satz 6 des So­zi­al­ge­setz­buchs V auf­ge­nom­men.

Das Ge­setz schreibt wört­lich fest: „Ver­si­cher­te mit ei­ner schwer­wie­gen­den Er­kran­kung ha­ben An­spruch auf Ver­sor­gung mit Can­na­bis in Form von ge­trock­ne­ten Blü­ten oder Ex­trak­ten in stan­dar­di­sier­ter Qua­li­tät und auf Ver­sor­gung mit Arz­nei­mit­teln mit den Wirk­stof­fen Dro­nabi­nol oder Na­bi­lon, wenn ei­ne all­ge­mein an­er­kann­te, dem me-dizinischen Stan­dard ent­spre­chen­de Leis­tung nicht zur Ver­fü­gung steht oder im Ein­zel­fall nach der be­grün­de­ten Ein­schät­zung der be­han­deln­den Ver­trags­ärz­tin oder des be­han­deln­den Ver­trags­arz­tes un­ter Ab­wä­gung der zu er­war­ten­den Ne­ben­wir­kun­gen und un­ter Be­rück­sich­ti­gung des Krank­heits­zu­stan­des der oder des Ver­si­cher­ten nicht zur An­wen­dung kom­men kann, ei­ne nicht ganz ent­fernt lie­gen­de Aus­sicht auf ei­ne spür­ba­re po­si­ti­ve Ein­wir­kung auf den Krank­heits­ver­lauf oder auf schwer­wie­gen­de Sym­pto­me be­steht.“

Dies be­deu­tet nun, dass Ver­si­cher­ten mit ei­ner schwer­wie­gen­den Er­kran­kung die Ver­sor­gung mit Can­na­bis in stan­dar­di­sier­ter Qua­li­tät und die Ver­sor­gung mit Arz­nei­mit­teln mit be­stimm­ten Cannabis- Wirk­stof­fen mög­lich ist. Vor­aus­set­zung ist, dass ei­ne Al­ter­na­tiv­the­ra­pie nicht zur Ver­fü­gung steht oder im Ein­zel­fall un­ter Ab­wä­gung der zu er­war­ten­den Ne­ben­wir­kun­gen und un­ter Be­rück­sich­ti­gung des Krank­heits­zu­stan­des nicht zur An­wen­dung kom­men kann. Das Can­na­bis muss dar­über hin­aus ei­nen ge­wis­sen spür­ba­ren po­si­ti­ven Ein­fluss auf den Krank­heits­ver­lauf oder auf schwer­wie­gen­de Sym­pto­me ha­ben.

Das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te über­prüft im Rah­men ei­ner bis zum 31. März 2022 lau­fen­den nicht-interventionellen Stu­die den Ein­satz der Cannabis- Arz­nei­mit­tel und soll die An­wen­dung der Pro­duk­te und de­ren Wirk­sam­keit kon­trol­lie­ren.

Al­les im al­lem gibt das Ge­setz den Be­trof­fe­nen nun­mehr Rechts­si­cher­heit und legt fest, wer Can­na­bis kon­su­mie­ren darf. Die ho­hen Hür­den, die im So­zi­al­ge­setz­buch fest­ge­legt sind, sol­len ei­nen Miss­brauch ver­hin­dern und ge­währ­leis­ten, dass aus­schließ­lich be­stimm­te Pa­ti­en­ten in Aus­nah­me­fäl­len die Prä­pa­ra­te er­hal­ten.

Ab­zu­war­ten bleibt je­doch, wie die Vor­schrift prak­tisch um­ge­setzt wird und wie die Rechts­be­grif­fe mit Le­ben ge­füllt wer­den. Ins­be­son­de­re ist frag­lich, wel­che kon­kre­ten Krank­hei­ten un­ter die „schwer­wie­gen­den Er­kran­kun­gen“ fal­len sol­len und wie „ei­ne spür­ba­re po­si­ti­ve Ein­wir­kung auf den Krank­heits­ver­lauf“ fest­ge­stellt wer­den kann.

Isa­bel­la Beer
Rechts­an­wäl­tin
Re­fe­rat für Me­di­zin­recht
Re­fe­rat für Ver­si­che­rungs­recht