Muss ich da hin?

Ha­ben Sie si­ch das auch schon ein­mal ge­fragt, wenn Sie Post von der Po­li­zei be­kom­men ha­ben? In ei­ner sol­chen La­dung steht re­gel­mä­ßig et­was wie „In dem Er­mitt­lungs­ver­fah­ren … ist Ih­re Ver­neh­mung als Zeu­ge er­for­der­li­ch …“.

In vie­len Fäl­len ist da­mit ein Ge­wis­sens­kon­flikt vor­pro­gram­miert. Be­schul­digt ist näm­li­ch un­ter Um­stän­den ein Freund, der in der Dis­ko­thek mit ei­nem an­de­ren an­ein­an­der­ge­ra­ten ist, der Va­ter, der die Mut­ter ge­schla­gen ha­ben soll, oder die Le­bens­ge­fähr­tin, die be­schul­digt wird, un­ter Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen Hartz-​IV-​Leistungen be­zo­gen zu ha­ben. Viel­leicht be­steht so­gar die Ge­fahr, si­ch selbst der Straf­ver­fol­gung aus­zu­set­zen. Viel­leicht will man ein­fach nicht zur Po­li­zei.

Zu­nächst die gu­te Nach­richt: Nie­mand ist ver­pflich­tet, ei­ner po­li­zei­li­chen La­dung zur Zeu­gen­ver­neh­mung Fol­ge zu leis­ten. Das ist – wie si­ch in der an­walt­li­chen Be­ra­tung oft zeigt – für vie­le Men­schen über­ra­schend, ha­ben sie doch ein Schrei­ben von der Staats­macht er­hal­ten. Sie ge­hen dann wie selbst­ver­ständ­li­ch da­von aus, dann müs­se man auch kom­men.

Dass dem nicht so ist, er­schließt si­ch un­ter an­de­rem, wenn man si­ch vor Au­gen hält, dass die Po­li­zei­be­am­ten die so­ge­nann­ten Er­mitt­lungs­per­so­nen der Staats­an­walt­schaft sind. Frü­her nann­te man sie Hilfs­be­am­te, was aber als un­zeit­ge­mäß emp­fun­den wur­de und so­gar zu ei­ner An­pas­sung im Ge­richts­ver­fas­sungs­ge­setz ge­führt hat. Her­rin des Er­mitt­lungs­ver­fah­rens ist und bleibt gleich­wohl die Staats­an­walt­schaft. De­ren La­dung müss­te man auch Fol­ge leis­ten.

Die Ent­schei­dung, ob man trotz­dem der Auf­for­de­rung der Po­li­zei folgt, will gleich­wohl gut über­legt sein. Denn das ei­ge­ne Ver­hal­ten kann das wei­te­re Ver­fah­ren auch ei­nen selbst be­tref­fend maß­geb­li­ch be­ein­flus­sen. Wenn Sie et­wa bei ei­nem fremd­ver­schul­de­ten Un­fall ver­letzt wor­den sind und spä­ter Schmer­zens­geld gel­tend ma­chen wol­len, ist ein Igno­rie­ren der La­dung eher ab­träg­li­ch. Denn im Straf­ver­fah­ren ge­gen den Schä­di­ger sind Sie Zeu­ge. Ist er schon ein­mal vom Straf­rich­ter ver­ur­teilt wor­den, ste­hen fak­ti­sch ih­re Chan­cen im Zi­vil­pro­zess oft bes­ser. Das ist zwar recht­li­ch kei­nes­wegs zwin­gend, tat­säch­li­ch be­geg­net die­ses Phä­no­men aber in der Rechts­wirk­lich­keit.

Au­ßer­dem müs­sen Sie spä­tes­tens der La­dung des Ge­richts zur Haupt­ver­hand­lung Fol­ge leis­ten. Das ist nicht prin­zi­pi­ell „schlimm“, weil Sie hier le­dig­li­ch nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen ei­ge­ne Wahr­neh­mun­gen zu be­kun­den ha­ben. Das pas­siert dann aber re­gel­mä­ßig in öf­fent­li­cher Ver­hand­lung. Sie ha­ben dort meh­re­ren Per­so­nen Re­de und Ant­wort zu ste­hen, so­fern Ih­nen nicht – et­wa im Fall des ge­walt­tä­ti­gen Va­ters – ein Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht zu­steht oder – im Hartz-​IV-​Fall Sie ein Aus­kunfts­ver­wei­ge­rungs­recht ha­ben, so­weit Sie si­ch selbst be­las­ten könn­ten.

Wich­tig ist al­so: Sie müs­sen nicht zur Po­li­zei, soll­ten aber ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung hier­über tref­fen. Gu­ter – an­walt­li­cher – Rat ist hier­für nicht un­be­dingt teu­er, si­cher aber wert­voll.

Dr. Christian Horvat

Dr. Chris­ti­an Hor­vat

Fach­an­walt für Straf­recht
Fach­an­walt für Steu­er­recht
Te­le­fon: 0981/972123 – 81
E-​Mail: horvat@​meyerhuber.​de
Dr. Christian Horvat

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