Re­den ist Sil­ber, Schwei­gen ist Gold!

Herr Mül­ler, Ihr Test war ne­ga­tiv, aber be­nut­zen Sie die Creme ru­hig wei­ter, bis der Aus­schlag weg ist. In ein paar Wo­chen ma­chen wir noch­mal ei­nen Ab­strich. Brin­gen Sie dann am bes­ten Ih­re Frau mit, dann tes­ten wir sie auch.“ Sol­che oder ähn­li­che Sät­ze hat fast je­der schon in ei­ner Arzt­pra­xis ge­hört, sei es, dass die Sprech­stun­den­hil­fe mit ei­nem Pa­ti­en­ten te­le­fo­niert und man selbst war­tend vor dem Tre­sen steht, oder der Arzt kurz sei­nen Kopf ins War­te­zim­mer steckt, Herrn Mül­ler die gu­te Nach­richt ver­kün­det und da­nach den nächs­ten Pa­ti­en­ten mit­nimmt.

Der Arzt hat ei­ne Schwei­ge­pflicht. Wenn er sie bricht, macht er sich grund­sätz­lich straf­bar. Im Ge­gen­zug darf er sich auch ge­gen­über Ge­rich­ten und Be­hör­den auf die­se Schwei­ge­pflicht be­ru­fen und muss kei­ne Aus­sa­ge ma­chen. Die viel in­ter­es­san­te­re Fra­ge ist je­doch, wel­che Da­ten des Pa­ti­en­ten un­ter die­se Schwei­ge­pflicht fal­len.

Grund­sätz­lich darf der Arzt nicht ein­mal be­stä­ti­gen, dass ei­ne Per­son bei ihm Pa­ti­ent ist. Herrn Mül­ler mit Na­men an­zu­spre­chen oder gar sei­ne Pa­ti­en­ten­ak­te auf dem Tre­sen lie­gen zu las­sen, wür­de so­mit be­reits ei­nen Ver­stoß ge­gen die ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht dar­stel­len und könn­te im Ernst­fall ein Straf­ver­fah­ren oder ein be­rufs­recht­li­ches Ver­fah­ren nach sich zie­hen. Un­ter Stra­fe ge­stellt wird näm­lich das un­be­fug­te Of­fen­ba­ren von frem­den Ge­heim­nis­sen, so das Straf­ge­setz­buch. Die Tat­sa­che, dass Herr Mül­ler Pa­ti­ent ist, stellt be­reits ein Ge­heim­nis dar und darf da­her Drit­ten ge­gen­über nicht of­fen­bart wer­den.

Die straf­recht­li­che Vor­schrift zur Ahn­dung von Schwei­ge­pflichts­ver­stö­ßen wur­de im ver­gan­ge­nen Herbst re­for­miert und ge­re­gelt, wann kein straf­be­währ­tes Of­fen­ba­ren von Ge­heim­nis­sen vor­liegt. Klar­ge­stellt wur­de, dass die Schwei­ge­pflicht des Arz­tes nicht ver­letzt wird, wenn er sei­nen Mit­ar­bei­tern Pa­ti­en­ten­un­ter­la­gen zu­gäng­lich macht. Dies ist auch ab­so­lut lo­gisch, da wohl kei­ne gän­gi­ge Arzt­pra­xis funk­tio­nie­ren wür­de, wenn nicht auch die Pra­xis­mit­ar­bei­ter auf Pa­ti­en­ten­da­ten zu­grei­fen dür­fen. Sie un­ter­lie­gen je­doch eben­falls der Schwei­ge­pflicht und müs­sen, im glei­chen Um­fang wie ein Arzt, Still­schwei­gen be­wah­ren.

Neu in die Vor­schrift wur­de mit­auf­ge­nom­men, dass Ärz­te Ge­heim­nis­se ge­gen­über sons­ti­gen Per­so­nen of­fen­ba­ren dür­fen, die an ih­rer be­ruf­li­chen oder dienst­li­chen Tä­tig­keit mit­wir­ken, so­weit dies für die In­an­spruch­nah­me der Tä­tig­keit der sons­ti­gen mit­wir­ken­den Per­so­nen er­for­der­lich ist. Dies be­deu­tet, dass der Arzt kei­nen Schwei­ge­pflicht­ver­stoß be­geht, wenn er bei­spiels­wei­se ei­nen Tech­ni­ker mit der War­tung sei­nes Com­pu­ters be­auf­tragt. In der Arzt­pra­xis des 21. Jahr­hun­derts wer­den Pa­ti­en­ten­da­ten di­gi­tal er­stellt und ge­spei­chert. Der Ser­vice­tech­ni­ker kommt so­mit zwangs­läu­fig mit Pa­ti­en­ten­da­ten in Kon­takt, wenn er die Com­pu­ter auf den neu­es­ten Stand brin­gen muss.

Das stellt je­doch kei­nen Frei­fahrt­schein für den Arzt dar, der dem Tech­ni­ker un­ge­hin­der­ten und un­kon­trol­lier­ten Zu­gang zu sämt­li­chen Pa­ti­en­ten­da­ten ge­ben darf. Der Arzt hat viel­mehr da­für Sor­ge zu tra­gen, dass die mit­wir­ken­de Per­son zur Ge­heim­hal­tung ver­pflich­tet wird. Kon­kret be­deu­tet dies, dass der Arzt wie­der­um den Tech­ni­ker schrift­lich da­zu ver­pflich­ten muss, die Schwei­ge­pflicht zu wah­ren. Der Arzt darf ihn sonst nicht an dem Com­pu­ter ar­bei­ten las­sen. Tut der Arzt dies nicht, droht ihm ei­ne Frei­heits­stra­fe bis zu ei­nem Jahr. Im Üb­ri­gen macht sich auch der Tech­ni­ker straf­bar, wenn er das Wis­sen, das er in der Arzt­pra­xis er­langt hat, aus­plau­dert.

Für den Arzt be­deu­tet die­se neue ge­setz­li­che Vor­schrift, dass er von An­fang an nur ver­trau­ens­wür­di­ge Dienst­leis­ter mit Ser­vice­ar­bei­ten in sei­ner Pra­xis be­trau­en soll­te, die be­reit­wil­lig ei­ne Ver­schwie­gen­heits­ver­pflich­tung un­ter­schrei­ben und er muss dar­auf ach­ten, dass sie nur Zu­gang zu den Da­ten er­hal­ten, die für ih­re Ar­beit re­le­vant sind. Herr Mül­lers Pa­ti­en­ten­ak­te darf dem­nach nicht auf dem Schreib­tisch lie­gen, wäh­rend der Tech­ni­ker ein Up­date am Com­pu­ter durch­führt.

Wel­che An­for­de­run­gen im Ein­zel­nen an die Arzt­pra­xen ge­stellt wer­den, bleibt je­doch ab­zu­war­ten. Ei­ne kri­ti­sche Über­prü­fung der ei­ge­nen Ar­beits­wei­se und den be­stehen­den Ser­vice­ver­trä­gen lohnt sich je­doch al­le­mal!

Isabella Beer

Isabella Beer

Fachanwältin für Medizinrecht
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Isabella Beer