Ver­si­che­rungs­recht: Schreck­ge­spen­st Be­rufs­un­fä­hig­keit

Die pri­va­te Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung wird zu­sam­men mit der pri­va­ten Haft­pflicht­ver­si­che­rung als wich­ti­ger Bau­stein der pri­va­ten Vor­sor­ge be­trach­tet. Ver­si­che­rer wer­den von da­her nicht mü­de dar­auf hin­zu­wei­sen, dass je­der vier­te Deut­sche vor Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters be­rufs­un­fä­hig wird und si­ch nur 10% da­ge­gen ver­si­chert ha­ben. Aber no­ch lan­ge nicht je­der Ver­si­cher­te weiß, wann er ei­nen An­spruch auf die ver­ein­bar­te Be­rufs­un­fä­hig­keits­ren­te hat.

Meis­tens wird ver­mu­tet, dass der Ver­si­che­rer zah­len muss, wenn der Arzt über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum ei­ne Ar­beits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung aus­stellt. Das trifft je­doch eben­so we­nig zu wie die An­nah­me, ein Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 50% (oder mehr) müs­se je­den­falls ge­nü­gen. Viel­mehr ist die Be­rufs­un­fä­hig­keit aus­schließ­li­ch in den — klein ge­druck­ten — Ver­si­che­rungs­ver­trags­be­din­gun­gen de­fi­niert.

Hier exis­tie­ren je­doch nicht un­er­heb­li­che Un­ter­schie­de, nach­dem Mit­te der 90er Jah­re auch der Ver­si­che­rungs­markt de­re­gu­liert wur­de. Der ele­men­tars­te Un­ter­schied be­steht be­treffs ei­ner mög­li­chen Ver­weis­bar­keit.

So ent­hal­ten no­ch vie­le Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge ei­ne so ge­nann­te “abs­trak­te Ver­wei­sungs­klau­sel”: Da­na­ch liegt Be­rufs­un­fä­hig­keit nicht vor, wenn der Ver­si­cher­te in sei­nem zu­letzt aus­ge­üb­ten Be­ruf — in der Re­gel zu mehr als 50% — nicht mehr ein­ge­setzt wer­den kann. Viel­mehr liegt Be­rufs­un­fä­hig­keit er­st dann vor, wenn der Ver­si­cher­te dar­über hin­aus auch kei­ne an­de­re Tä­tig­keit aus­übt oder aus­üben kann (!), die zu über­neh­men er auf­grund sei­ner Aus­bil­dung und Fä­hig­kei­ten in der La­ge ist und die sei­ner bis­he­ri­gen Le­bens­stel­lung ent­spricht.

Es kann al­so pas­sie­ren, dass der selbst­stän­di­ge Hand­wer­ker sei­nen zu­letzt aus­ge­üb­ten Be­ruf nicht mehr aus­üben kann und den­no­ch kei­ne Leis­tun­gen er­hält, weil er zum Bei­spiel als Ver­tre­ter für Bau­ma­te­ria­li­en oder als Ver­kaufs­be­ra­ter im Bau­markt ein­ge­setzt wer­den könn­te. Hier­bei kommt es dann nicht dar­auf an, ob ei­ne der­ar­ti­ge Tä­tig­keit über­haupt aus­ge­übt wird und ob der Ver­si­cher­te in die­sem Be­reich auch Ar­beit fin­det; Ar­beits­lo­sig­keit ist eben ge­ra­de nicht ver­si­chert.

Schon güns­ti­ger sind in­so­weit die „kon­kre­ten Ver­wei­sungs­klau­seln“: Da­na­ch kann ein Ver­si­cher­ter bei “Be­rufs­un­fä­hig­keit in sei­nem zu­letzt aus­ge­üb­ten Be­ruf” nur auf ei­ne ver­gleich­ba­re Tä­tig­keit ver­wie­sen wer­den, wenn er die­se auch kon­kret aus­übt. Der Ver­si­cher­te er­hält dann zwar im­mer no­ch kei­ne Leis­tun­gen aus sei­ner Berufs-​unfähigkeitsversicherung, steht je­doch zu­min­dest nicht nackt da.

Es soll­te al­so be­reits bei der Aus­wahl der “rich­ti­gen” Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung nicht nur auf die Hö­he der zu zah­len­den Prä­mi­en son­dern viel­mehr auch dar­auf ge­ach­tet wer­den, wie die Be­rufs­un­fä­hig­keit (in der Re­gel in § 2 der Be­din­gun­gen) tat­säch­li­ch de­fi­niert ist. Aber auch wenn der An­trag auf Leis­tun­gen aus Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung “lei­der im In­ter­es­se der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ab­ge­lehnt” wur­de, ist das En­de der Fah­nen­stan­ge no­ch nicht er­reicht. Vie­le Ver­si­che­rer sind schnell bei der Ab­leh­nung und war­ten dann ab, ob si­ch der Ver­si­cher­te da­mit ab­fin­det oder den Gang zum Rechts­an­walt an­tritt.

Michael Schmidl

Mi­cha­el Schmidl

Fach­an­walt für Ver­kehrs­recht
Fach­an­walt für Ver­si­che­rungs­recht
Te­le­fon: 09831/6766 – 70
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Michael Schmidl