Un­schuld­ver­mu­tung und Fair Tri­al

Das deut­sche Straf­pro­zess­recht kennt ei­nen grund­le­gen­den, ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Grund­satz, der wich­ti­ger nicht sein könn­te: Bis zum rechts­kräf­ti­gen Be­weis des Ge­gen­teils ist je­der un­schul­dig. Auch und be­son­ders dann, wenn er von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den (Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft) ins Vi­sier ge­nom­men wird.

Die Un­schulds­ver­mu­tung gilt nicht nur für Ba­ga­tell­ta­ten oder Ord­nungs­wid­rig­kei­ten. Sie gilt auch für Ka­pi­tal­ver­bre­chen, wie Mord und Tot­schlag. Ge­ra­de hier wirkt sie sich auch gra­vie­rend aus. Die Maß­nah­men, die von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den auf­er­legt wer­den dür­fen, sind be­schränkt und dür­fen kei­nen blei­ben­den oder stra­f­ähn­li­chen Cha­rak­ter ha­ben. Da­her gibt es auch nur Un­ter­su­chungs­haft und nicht so­fort (vor­zei­ti­ge) Straf­haft. Und des­halb ist auch für die Un­ter­su­chungs­haft vor­ge­schrie­ben, dass nur auf­grund be­son­de­rer Haft­grün­de – bei­spiels­wei­se Flucht- oder Ver­dunk­lungs­ge­fahr – ei­ne vor­läu­fi­ge Frei­heits­ent­zie­hung an­ge­ord­net wer­den darf.

Die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den selbst – an­ders als die Straf­ge­rich­te – dür­fen und müs­sen ei­nen Tat­ver­dacht ha­ben. Da­bei wirkt sich die Un­schulds­ver­mu­tung we­nig aus. Des­halb strei­tet hier ein wei­te­rer ver­fas­sungs­recht­lich be­grün­de­ter Grund­satz für Be­schul­dig­te: Der Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens. Die­ser Grund­satz be­deu­tet, dass zu­nächst Waf­fen­gleich­heit ge­währt wer­den muss. Die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den dür­fen nicht nur be­las­ten­de Tat­sa­chen er­mit­teln. Das sieht das Ge­setz so vor (§ 160 Ab­satz 2 StPO). Weil aber Pa­pier ge­dul­dig sein kann, hilft der Bei­stand ei­nes Straf­ver­tei­di­gers, dass das Ge­setz ein­ge­hal­ten wird.

Für Ver­fah­ren, die be­son­ders schwie­rig sind, gilt der Grund­satz der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung. Das heißt, dass in die­sen Ver­fah­ren vom Ge­richt und auch be­reits im Er­mitt­lungs­ver­fah­ren von der Staats­an­walt­schaft ein Pflicht­ver­tei­di­ger be­stellt wer­den muss. Sinn­vol­ler­wei­se ist die­ser Pflicht­ver­tei­di­ger ein Rechts­an­walt Ih­res Ver­trau­ens und mit der straf­recht­li­chen Ma­te­rie ver­traut. In Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt – Straf­er­war­tung über vier Jah­ren Frei­heits­stra­fe, al­so je­den­falls bei al­len Tö­tungs­de­lik­ten – gilt der Grund­satz im­mer.

Im Üb­ri­gen ist es durch­aus mög­lich – und in grö­ße­ren Ver­fah­ren sinn­voll – mehr als ei­nen Ver­tei­di­ger zu ha­ben. Die Straf­pro­zess­ord­nung er­laubt bis zu drei Wahl­ver­tei­di­ger zu­sätz­lich zu ei­nem mög­li­chen Pflicht­ver­tei­di­ger. An­ders als die Pflicht­ver­tei­di­gung muss man sei­nen Wahl­ver­tei­di­ger selbst zah­len. Meis­tens fährt man aber mit ihm im Ge­richt bes­ser und zum Teil so­gar kos­ten­güns­ti­ger, als oh­ne an­walt­li­chen Bei­stand in ei­ne un­ge­wis­se Zu­kunft zu se­geln.

Dr. Wolfgang Staudinger

Dr. Wolf­gang Stau­din­ger

Fach­an­walt für Straf­recht
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Dr. Wolfgang Staudinger

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