Zahl der Be­hand­lungs­feh­ler ge­stie­gen

Die jüngs­te “Sta­tis­ti­sche Er­he­bung der Gut­ach­ter­kom­mis­si­on und Schlich­tungs­stel­len für das Sta­tis­tik­jahr 2016” ist da. Dar­in ver­öf­fent­licht die Bun­des­ärz­te­kam­mer die Sta­tis­ti­ken der Gut­ach­ter­kom­mis­sio­nen der Bun­des­län­der für Arzt­haf­tungs­an­ge­le­gen­hei­ten.

Jähr­li­ch er­scheint ein Be­richt der Bun­des­ärz­te­kam­mer in dem die­se die ak­tu­el­len Zah­len und Sta­tis­ti­ken zu Be­hand­lungs­feh­lern nie­der ge­legt sind. Die­se Bun­des­sta­tis­tik in­for­miert über die we­sent­li­chen quan­ti­ta­ti­ven (Antrags- und Er­le­di­gungs­zah­len, Zahl der fest­ge­stell­ten Be­hand­lungs­feh­ler) so­wie qua­li­ta­ti­ven (Art, Häu­fig­keit und Ver­tei­lung der Be­hand­lungs­feh­ler auf die me­di­zi­ni­schen Fach­ge­bie­te und Be­hand­lungs­ein­rich­tun­gen) As­pek­te der in den Be­gut­ach­tungs­ver­fah­ren durch Ärz­te und Ju­ris­ten ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se.

Die me­di­zi­ni­schen Be­gut­ach­tun­gen fin­den bei den je­wei­li­gen Lan­des­ärz­te­kam­mern vor so­ge­nann­ten Gut­ach­ter­kom­mis­sio­nen statt, die so­wohl aus Ärz­ten, als auch Ju­ris­ten ge­bil­det wird. Die Bun­des­ärz­te­kam­mer er­fasst die­se Ver­fah­ren und er­stellt ei­ne deutsch­land­wei­te Sta­tis­tik. Die Gut­ach­ter­kom­mis­sio­nen der je­wei­li­gen Bun­des­län­der sind un­ab­hän­gi­ge Ein­rich­tun­gen, die von Pa­ti­en­ten, Ärz­ten oder Be­rufs­haft­pflicht­ver­si­che­rern ei­nes Arz­tes an­ge­ru­fen wer­den kön­nen, wenn die Ver­mu­tung ei­ner feh­ler­haf­ten ärzt­li­chen Be­hand­lung be­steht. Ziel der Gut­achter­stel­le ist es, durch ob­jek­ti­ve Be­gut­ach­tung ärzt­li­chen Han­delns Pa­ti­en­ten die Durch­set­zung be­grün­de­ter An­sprü­che und Ärz­ten die Zu­rück­wei­sung un­be­grün­de­ter Vor­wür­fe zu er­leich­tern.

Sta­tis­ti­sche Wer­te

Im Jahr 2016 gin­gen ins­ge­samt 11.559 An­trä­ge bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern ein, im Vor­jahr wa­ren es 11.822, was ei­nen Rück­gang von 2,2 % be­deu­tet. Dem­ge­gen­über stieg die Zahl der Sach­ent­schei­dun­gen, al­so die­je­ni­gen Fäl­le in de­nen tat­säch­li­ch ei­ne me­di­zi­ni­sche Be­gut­ach­tung des Sach­ver­halts statt­fand, von 7.215 auf 7.639. Nicht je­der ge­stell­te An­trag wird durch die Gut­achter­stel­le ent­schie­den, selbst­ver­ständ­li­ch steht es den Be­tei­lig­ten frei, das Ver­fah­ren je­der­zeit zu be­en­den. Da es si­ch um ein frei­wil­li­ges und ein­ver­nehm­li­ches Be­gut­ach­tungs­ver­fah­ren han­delt, müs­sen al­le Be­tei­lig­ten (der Pa­ti­en­ten selbst, so­wie der be­han­deln­den Arzt/​das be­han­deln­de Kran­ken­haus bzw. der Be­rufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer) zu­stim­men.

Häu­fig schei­ter­ten die An­trags­stel­ler al­ler­dings an for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen: sie rie­fen die ört­li­ch oder sach­li­ch un­zu­stän­di­ge Stel­le an, lie­ßen An­trags­fris­ten ver­strei­chen oder es la­gen Ver­fah­rens­hin­der­nis­se vor. Kon­se­quenz ist, dass in die­sen Fäl­len kei­ne me­di­zi­ni­sche Be­gut­ach­tung statt­fin­det.

Un­ab­hän­gig da­von, wel­che Stel­le ei­ne Be­gut­ach­tung vor­nimmt, ist es wich­tig, si­ch mit kon­kre­ten Fra­gen und ei­ner prä­zi­sen Sach­ver­halts­dar­stel­lung an den Gut­ach­ter zu wen­den. Die Gut­ach­ter­kom­mis­si­on will nicht nur die Vor- und Nach­be­hand­ler wis­sen, sie ver­langt auch ei­ne Sach­ver­halts­schil­de­rung und die Be­nen­nung der Ge­sund­heits­schä­den. Vie­le Pa­ti­en­ten ver­lie­ren zwi­schen ju­ris­ti­schem und me­di­zi­ni­schem Kau­der­wel­sch den Über­bli­ck oder miss­ach­ten for­ma­le Vor­aus­set­zun­gen. Man­cher Pa­ti­ent schreckt auch schon da­vor zu­rück, weil in der oh­ne­hin schon be­las­ten­den Si­tua­ti­on die Fül­le der Fra­gen leicht das Ge­fühl der Über­for­de­rung we­cken kann. 

Die haupt­säch­li­che Ar­beit für ei­nen Pa­ti­en­ten steht be­reits vor der Ein­lei­tung der Be­gut­ach­tung an: Die Be­hand­lungs­un­ter­la­gen soll­ten ein­ge­holt und aus­ge­wer­tet wer­den, je nach Be­hand­lungs­dau­er kön­nen die­se meh­re­re hun­dert Sei­ten um­fas­sen. Die Un­ter­la­gen mög­li­cher Vor- und Nach­be­hand­ler ge­hö­ren eben­falls da­zu, da meist nur mit de­ren Hil­fe ein Scha­den fest­stell­bar ist und der ge­sam­te Krank­heits­ver­lauf auf­ge­zeigt wer­den kann. Die An­trags­fra­gen soll­ten nach Mög­lich­keit kon­kret for­mu­liert wer­den, um von Be­ginn an den Fin­ger in die Wun­de zu le­gen.

Fa­zit

Bei den 7.639 be­ar­bei­te­ten Fäl­len wur­den 13.898 Be­hand­lungs­feh­ler ge­rügt. Es ist mög­li­ch bis zu sechs Vor­wür­fe pro Be­hand­lungs­fall ge­gen ei­nen Arzt/​ein Kran­ken­haus zu er­he­ben, wo­bei die­se Vor­wür­fe ei­ne man­geln­de Auf­klä­rung und ver­schie­de­ne ein­zel­ne Be­hand­lungs­feh­ler um­fas­sen kön­nen. Die häu­figs­ten Vor­wür­fe (Ge­samt­zahl 3.738) be­tra­fen die Durch­füh­rung von Ope­ra­tio­nen, 1.159 Vor­wür­fe be­zo­gen si­ch auf bild­ge­ben­de Dia­gnos­tik (bei­spiels­wei­se die Er­stel­lung von Rönt­gen­auf­nah­men und de­ren feh­ler­haf­te Aus­wer­tung). In 1.041 Fäl­len war­fen die Pa­ti­en­ten Feh­ler bei der Un­ter­su­chung vor, die meist dar­in be­stehen, dass kei­ne aus­rei­chen­den Be­fun­de er­ho­ben wer­den.

Tat­säch­li­ch be­jah­ten die Gut­ach­ter­kom­mis­sio­nen in 2.198 Fäl­len ei­nen Be­hand­lungs­feh­ler, im Vor­jahr wa­ren es no­ch 2.078. Der An­stieg fällt mit 120 Fäl­len deutsch­land­weit kaum ins Ge­wicht, die Grün­de für die­sen An­stieg sind schwer fest­zu­ma­chen.

Auf­fäl­lig ist, dass in kan­pp ei­nem Vier­tel der Fäl­le er­heb­li­che Schä­den folg­ten: In 549 Fäl­len führ­ten die­se Be­hand­lungs­feh­ler zu dau­er­haf­ten Schä­den, bei 166 Pa­ti­en­ten lie­gen nach wie vor schwe­re Dau­er­schä­den vor. In 96 Fäl­len ver­star­ben die Pa­ti­en­ten in­fol­ge des Be­hand­lungs­feh­lers. Sta­tis­ti­sch be­trach­tet liegt die Zahl der Be­hand­lungs­feh­ler in Kran­ken­häu­sern drei Mal hö­her als im am­bu­lan­ten Be­reich, den höchs­ten Wert weist der Be­reich Unfallchirurgie/​Or­tho­pä­die auf. 

Aus an­walt­li­cher Sicht kön­nen die Gut­achter­stel­len sehr hilf­reich sein. Sie bie­ten die Mög­lich­keit ein kos­ten­frei­es Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len und bil­den da­mit häu­fig die Grund­la­ge ei­nes Schadensersatz- und Schmer­zens­geld­pro­zes­ses. Das Gut­ach­ter­ver­fah­ren dau­ert in der Re­gel je­doch 18 Mo­na­te, so der ak­tu­el­le Stand bei der Baye­ri­schen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Ei­ne lan­ge Zeit, die vom je­wei­li­gen Pa­ti­en­ten bzw. sei­nen An­ge­hö­ri­gen ei­nen lan­gen Atem er­for­dert und zer­mür­bend sein kann. 

Isa­bel­la Beer
Rechts­an­wäl­tin
Re­fe­rat für Me­di­zin­recht
Re­fe­rat für Ver­si­che­rungs­recht