Geburtsschäden – aktueller rechtlicher Überblick

Es ist sicherlich eine der schlimmsten Vorstellung aller werdenden Eltern, dass die Hebamme oder der Arzt während der Geburt des Kindes einen Fehler begeht und das Kind lebenslange Folgen davon trägt.

Statistisch betrachtet werden durchschnittlich 20 Fälle möglicher Geburtsschäden durch freiberufliche Hebammen jährlich gemeldet. Wie viele Schwerstschäden bei Geburten tatsächlich in Deutschland durch einen Behandlungsfehler verursacht werden, ist statistisch nicht erfasst.

Mehrere Medien berichten aktuell über den Umgang mit „Cytotec“ zur Einleitung der Geburt, welches jedoch nicht hierfür zugelassen ist. Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des Bayerischen Rundfunks lassen Schreckliches erahnen:

Cytotec ist eigentlich ein Magenschutzmittel und wurde hierfür zugelassen. Jedoch wird es in deutschen Kliniken auch als Wehen auslösendes Mittel verabreicht, um die Geburt voran zu bringen. Dies wiederum kann zu massiven Problemen bei Mutter und Kind führen, bis hin zum Tod. Der Hersteller wollte das Präparat auch nie als wehenförderndes Mittel auf den Markt bringen. Deutsche Kliniken setzten es jedoch massenhaft zur Geburtseinleitung ein, ohne dass die Dosierung jemals erforscht wurde. Aufgrund des massiven Missbrauchs in deutschen Kliniken wurde es hierzulande wieder vom Markt genommen.

Dies schreckte jedoch rund die Hälfte der deutschen Klinken nicht ab, sie verwenden das Mittel weiterhin.

Risikofaktor Mensch

Daneben gibt es auch noch weitere Ursachen für Schwerstschäden bei Kindern während der Geburt. Laut einem Gutachten, das das Bundesgesundheitsministerium im April 2018 veröffentlicht hat, sind vor allem folgende Risikofaktoren für einen Geburtsschaden auszumachen:

  • Teamfaktoren: Mangelhafte Kommunikation zwischen den Berufsgruppen, Übergabedefizite, fehlende Fehlerkultur, Zeitverzögerungen;
  • mangelhafte Qualifikation und Kompetenz: fehlende Skills, fehlende Notfalltrainings, fehlende Kompetenz in der Interpretation von CTGs.

Die Gutachter haben im Wesentlichen drei Faktoren ausgemacht, die ursächlich für Geburtsschäden sind, nämlich

  • Fehlinterpretation von Befunden,
  • zu wenig Personal,
  • Zeitverzögerungen in der Hinzuziehung des Arztes oder der Ärztin, der Entscheidung und in der Durchführung von Interventionen und bei Verlegungen/Transporten.

Dies spiegelt auch die Rechtsprechung eindeutig wieder. Ein deutlicher Anteil der Urteile deutschlandweit zum Thema Geburtsschaden beschäftigt sich damit, dass zu lange mit einer Kaiserschnittentbindung gewartet wird und dann die Sauerstoffversorgung des Kindes unterbrochen ist und so schwerste Hirnschäden entstehen.

Besonders schwer wiegt es, wenn ein CTG (Verfahren zur Registrierung und Aufzeichnung des Herzschlags des ungeborenen Kindes und der Wehentätigkeit bei der werdenden Mutter) nicht durchgeführt oder auf pathologische Werte nicht reagiert wird.

Hierzu urteilte bereits das OLG Hamm (Urteil vom 04. April 2017 – I-26 U 88/16) mit deutlichen Worten. Es verurteilte ein Krankenhaus, da die Geburtshelfer nicht auf dramatisch abgesunkene Sauerstoffwerte des Babys reagierten und die natürliche Geburt trotz einer massiven Sauerstoffunterversorgung nicht mit einem Not-Kaiserschnitt beendeten. Das Gericht ging in diesem Fall sogar von einem groben Behandlungsfehler aus, also einem sehr schwerwiegenden Fehler.

Schadensumfang

Die Familien haben ein Recht auf eine entsprechende finanzielle Unterstützung.

Schmerzensgeldzahlungen von 500.000 € sind in solchen Fällen zwar normal, jedoch kann kein Geld der Welt einen solchen Schaden wiedergutmachen. Die höchste Schmerzensgeldzahlung für einen Geburtsschaden belief sich auf 700.000 € und wurde 2014 durch das OLG Frankfurt in einem Vergleich festgehalten.

Fast wichtiger als das Schmerzensgeld ist jedoch der Ausgleich der finanziellen Schäden, die eine Familie mit einem schwerbehinderten Kind unweigerlich erleidet. Zuzahlungen zu Behandlungen und zu Hilfsmitteln, wie Rollstühlen und behinder-tengerechten Betten, Fahrtkosten und eine behindertengerechte Einrichtung, können über die Jahre hinweg zu extremen finanziellen Belastungen führen.

Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass diese schwerbehinderten Kinder keine reguläre Ausbildung oder ein Studium absolvieren können. Sie können daher auch im Erwachsenenalter nicht ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Bei der Schadensbezifferung muss daher auch ein Verdienstausfallschaden hinzugerechnet werden.

Nach einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) steigen die Kosten für derartige Schwerstschäden massiv an. Hintergrund ist insbesondere, dass Kinder mit schweren Behinderungen heute besser versorgt werden können, somit länger leben und dadurch höhere Kosten verursachen. Im Jahr 2003 kostete den Versicherer ein solcher Schaden noch durchschnittlich 1,5 Millionen Euro, 2016 waren es bereits 3,2 Millionen Euro.

Bei der Durchsetzung dieser Ansprüche handelt es sich meist um langjährige Verfahren, bei denen häufig mehrere Sachverständigengutachten eingeholt werden und die sehr belastend für die betroffenen Familien sind.

Aus diesem Grund ist es wichtig, sich bereits beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler an einen erfahrenen Rechtsanwalt im Medizinrecht zu wenden, der die Ansprüche durchsetzt, sodass sich die Familien auf sich konzentrieren können.

Quellen:
1 Deutscher Bundestag, Drucksache 19/6182 vom 28.11.2018 (Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Maria Klein-Schmeink, Ulle Schauws, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 19/5706 – „Prävention von Geburtsschäden in Deutschland“)
2 https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/geburtseinleitung-medikament-101.html
3 „Gutachten zu den Ursachen von Geburtsschäden bei von freiberuflich tätigen Hebammen betreuten Geburten“, Bundesministerium für Gesundheit, 04. April 2018

Isabella Beer

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