Schau mir in die Augen!

Klagen gegen Ärzte sind oftmals langwierig und kosten die Betroffenen viel Kraft, aber das Kämpfen lohnt sich häufig. Dies zeigt eine Entscheidung aus dem Mai 2019 des Oberlandesgerichts Nürnberg. Das Gericht hatte das ursprüngliche Urteil des Landgerichts aufgehoben, weil es die Klage der Klägerin zu Unrecht abgewiesen hatte. Das Oberlandesgericht Nürnberg stellte dagegen einen groben Behandlungsfehler fest und sprach der Klägerin ein Schmerzensgeld zu.

Was war passiert?

Die Klägerin hatte sich an eine Augenarztpraxis gewandt und über Schmerzen beim Bewegen des Auges geklagt. In der Dokumentation der Praxis war jedoch nur von einem Fremdkörpergefühl die Rede. Die Diagnose lautete Bindehautentzündung und die Klägerin erhielt lediglich Tropfen.

Tatsächlich hatte die Klägerin aber eine Sehnerventzündung. Da sie nicht zügig behandelt wurde, starb der Sehnerv ab und die Klägerin wurde teilweise blind.

Warum wurde die Klage abgewiesen?

Das Landgericht wies die Klage ab und begründete dies damit, dass die Diagnose der Bindehautentzündung nachvollziehbar war, da der Arzt nur von einem Fremdkörpergefühl ausgehen musste. Das Gericht hatte eine Zeugin angehört, die bei der Untersuchung dabei war. Sie hatte den Schmerz der Patientin ebenfalls geschildert, wurde jedoch vom Gericht als unglaubwürdig eingestuft. Auch das Sachverständigengutachten konnte das Gericht nicht überzeugen, wonach die Sehnerventzündung bereits am Tag der Untersuchung vorgelegen hatte und meistens Schmerzen auslöst. Der Sachverständige hatte auch geschildert, dass die übrigen Symptome für die Sehnerventzündung sprachen. Dennoch wies das Gericht die Klage ab.

Das Oberlandesgericht Nürnberg hob diese Entscheidung im Mai 2019 auf, da das Landgericht im Verfahren Fehler gemacht hatte. Das Oberlandesgericht rügte, dass drei Richter im Urteil über die Glaubwürdigkeit der Zeugin entschieden hatten, die sie jedoch nie persönlich gesehen und sich somit gar keinen Eindruck von der Zeugin gemacht hatten. Die Besetzung der Kammer hatte zwischenzeitlich gewechselt und die Zeugin wurde nicht nochmals angehört.

Weiter bemängelte das Gericht, dass die Klägerin im ersten Verfahren nie zu Wort gekommen war und nie schildern durfte, wie die Untersuchung abgelaufen ist.

Nachdem das Oberlandesgericht nochmals den Sachverständigen angehört hatte, kam es sogar zu dem Ergebnis, dass es sich um einen groben Behandlungsfehler gehandelt hatte und hob das erste Urteil auf. Der Klägerin wurde ein Schmerzensgeld zugesprochen und es wurde festgestellt, dass die Arztpraxis auch für eventuelle Spätfolgen eintreten muss.

Fazit

Die Klägerin musste lange kämpfen, so lagen zwischen der Einreichung der Klage und dem Urteil des Oberlandesgerichts Nürnberg fast dreieinhalb Jahre und der Sachverständige wurde drei Mal vor Gericht angehört. Dennoch zeigt dieser Fall, dass sich das Kämpfen lohnt und man sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen lassen sollte.

Isabella Beer
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